KI-Stammtisch in Springe mit einer großen Bandbreite
Wer am Montagabend den Weg in den Ankerplatz fand, traf auf eine Runde, die kaum unterschiedlicher hätte sein können: Bürgermeister, IT-Supporter, Handwerksunternehmen, Arbeitsorganisationspsychologe, Journalist:in, Personaler, Physiklehrer und KI-Enthusiast:innen – alle unter einem Dach, alle mit derselben Grundfrage im Gepäck: Was mache ich eigentlich mit dieser Technologie?
Oliver Werner, der den Stammtisch mit ins Leben gerufen hat und hauptberuflich bei der Deutschen Messe AG ein Entwicklungsteam leitet, gab wie gewohnt den Impuls des Abends. Sein Credo: kein starres Präsentiationsformat, sondern echtes Mitmachen. „Wenn wir abschweifen, ist das auch okay.“ Und abgeschweift wurde – produktiv.
Hauptthema: Die Claude Constitution
Der inhaltliche Anker des Abends war Anthropics sogenannte „Claude Constitution“ – das Wertemodell hinter dem KI-System Claude, einem Konkurrenten zu ChatGPT. Oliver erklärte das Prinzip anschaulich: Statt die KI nur mit Tonalitäts- und Formatvorgaben zu steuern, gibt Anthropic ihr eine priorisierte Wertehierarchie mit:
- Sicherheit (höchste Priorität)
- Ethik
- Unternehmensrichtlinien
- Hilfsbereitschaft
Warum das relevant ist? Weil KI-Systeme zunehmend autonom handeln – als sogenannte Agenten, die Aufgaben selbstständig und ohne menschliches Eingreifen erledigen. Halluziniert die KI dabei oder gerät in einen ethischen Konflikt, braucht sie eine Orientierung. Die Wertehierarchie liefert genau das.
Wertebasiertes Prompting in der Praxis
Oliver machte das Ganze an einem konkreten Szenario greifbar: Ein Veranstalter erhält eine öffentliche Beschwerde – emotional formuliert, mit sachlichen Fehlern. Was antwortet die KI?
Im klassischen Prompt bleibt die KI in einem Dilemma: sachlich bleiben und dabei die Fehler der Beschwerdeführerin korrigieren – oder schweigen? Ohne klaren Werterahmen rät sie. Im wertebasierten Prompt hingegen hat die KI eine Rangfolge: Schadensvermeidung schlägt Transparenz. Das Ergebnis: Sie nimmt die Sorge ernst, korrigiert die falschen Zahlen nicht öffentlich und lädt stattdessen zum Dialog ein. Ein Agent, der so programmiert ist, läuft deutlich seltener in die Falle.
Der Vergleich zwischen Claude und ChatGPT beim selben Prompt zeigte deutliche Unterschiede – nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Darstellung: Claude erstellte ein vollständig formatiertes Dokument, ohne dass Oliver das explizit verlangt hätte.
Kritisch bleiben – auch gegenüber der KI
Die Diskussion drehte sich schnell weiter: Wie geht man damit um, dass KI-Systeme dazu neigen, ihren Gesprächspartner:innen nach dem Mund zu reden? Die Runde war sich einig: Kritische Rückfragen sind Pflicht. „Betrachte das aus der Perspektive eines Experten. Was ist daran schlecht?“ – solche Formulierungen helfen, aus der Bestätigungsblase herauszukommen.
Ein weiterer Impuls aus der Runde: Die KI mehrere Perspektiven einnehmen lassen – unterschiedliche Berufe, Kulturen, manchmal sogar Zeitepochen – und die Positionen gegeneinander ausspielen. Das Ergebnis ist in der Regel deutlich besser als die erste Antwort.
Gleichzeitig wurde auch auf die Risiken hingewiesen: KI-generierter Output wächst schnell und unkontrolliert. Protokolle werden länger, To-Do-Listen umfangreicher – nicht weil der Inhalt es erfordert, sondern weil es einfach geht. Die Frage, ob eine Handlung sinnvoll ist, bleibt Menschensache.
Politik, Werte und Europa
Eine der lebhaftesten Diskussionsrunden drehte sich um die politische Dimension: Wer legt fest, nach welchen Werten eine KI handelt? Und welche Rolle spielen dabei amerikanische, chinesische oder europäische Modelle? Wenn KI-Systeme Meinungen formen können, müssen wir wissen, welche Werte dabei im Hintergrund herangezogen werden.
Unser Fazit des Abends:
- Wertebasiertes Prompting macht KI-Antworten konsistenter und robuster – besonders bei heiklen oder mehrdeutigen Anfragen.
- Kritisches Nachfragen ist kein Misstrauen, sondern gute Praxis: Fordere die KI heraus, statt ihr zu glauben.
- Unternehmenskultur zuerst: Bevor KI für Kommunikation eingesetzt wird, müssen Werte und Tonalität des Unternehmens klar definiert sein.
- Quellen immer prüfen: KI liefert auch alte oder falsche Quellen – das Recherchieren bleibt (noch) eine menschliche Aufgabe.
- KI-Output ist kein Selbstzweck: Mehr Inhalt bedeutet nicht mehr Mehrwert – ob etwas sinnvoll ist, entscheidest Du.
- Die Werkzeuge kennen: Claude, ChatGPT, Gemini, Manus, Langdock – jedes Tool hat seine Stärken. Ausprobieren lohnt sich.
Dankeschön!
Ein herzliches Dankeschön an Oliver Werner für den gewohnt praxisnahen Impuls und an alle, die den Weg nach Springe gefunden haben – manche sogar aus Herford. Genau diese Mischung macht den KI-Stammtisch zu dem, was er ist: ein Ort, an dem echte Erfahrungen geteilt werden – ohne Verkaufsversprechen, dafür mit echten Fragen.
Der nächste KI-Stammtisch findet am 30. März 2026 statt – wie immer am letzten Montag im Monat, von 18 bis 20 Uhr im Ankerplatz Springe. Melde Dich unter Veranstaltungen an und komm einfach vorbei.
Viele Grüße, Eure Meike
